Anamnesegespräch in der FaMed: 11 Minuten

Der Patient, der von seinen Enkeln erzählte
Eine Kollegin hat mir nach ihrer FaMed von ihrem Anamnesepatienten erzählt. Er kam wegen Bauchschmerzen. Dann erzählte er von seinem Garten, von seinen Enkeln und vom Urlaub an der Ostsee. Sie war höflich, sie hörte zu, sie nickte.
Bei Minute 9 hatte sie die Medikamente noch nicht gefragt. Bei Minute 11 war das Gespräch vorbei, ohne Zusammenfassung.
Sie hat trotzdem bestanden. Aber sie sagte: „In dieser Station hätte ich viel mehr holen können. Ich habe den Patienten nicht geführt. Er hat mich geführt.“
Was verlangt die Aufgabe?
- Anamnesegespräch
Das Gespräch, in dem die Ärztin oder der Arzt die Krankengeschichte des Patienten erhebt: aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familie und soziales Umfeld.
Das Anamnesegespräch gehört zur Station A der FaMed (Überblick in FaMed-Prüfung: Ablauf und Bewertung). Die Situation ist immer gleich:
- Sie arbeiten in einer Hausarztpraxis.
- Sie kennen vom Patienten nur den Namen.
- Sie haben höchstens 11 Minuten, danach endet das Gespräch.
- Ihr Gegenüber ist ein Schauspieler mit einer festen Rolle.
Die Aufgabe selbst hat drei Teile, und alle drei zählen:
- Ein strukturiertes Anamnesegespräch führen.
- Am Ende zusammenfassen und erklären, wie es weitergeht.
- Auf Rückfragen des Patienten eingehen.
- Rückfragen
Fragen, die der Schauspielpatient in der FaMed selbst stellt, etwa ob er ansteckend ist oder wann er wieder arbeiten kann. Sie gehören zur Aufgabe.
Medizinisches Wissen wird nicht bewertet, eine Verdachtsdiagnose müssen Sie nicht stellen. Bewertet werden Gesprächsform, Umgang mit dem Patienten, sprachliche Korrektheit und Flüssigkeit.
Ein Zeitplan für 11 Minuten
In der FSP haben Sie für das Patientengespräch meist rund 20 Minuten, in der FaMed gut die Hälfte. Ohne Plan reicht das nicht. Mit Plan schon:
| Minute | Inhalt |
|---|---|
| 0 bis 1 | Begrüßung, eigene Vorstellung, Name und Alter, Grund des Besuchs |
| 1 bis 5 | aktuelle Beschwerden: seit wann, wo, wie, wie stark, Begleitsymptome |
| 5 bis 8 | Vorerkrankungen, Operationen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familie, Beruf und Wohnen, wenn passend Reisen |
| 8 bis 9 | offene Fragen des Patienten aufgreifen |
| 9 bis 11 | Zusammenfassung und weiteres Vorgehen |
- Noxen
Schädliche Einflüsse, die in der Anamnese erfragt werden, vor allem Nikotin, Alkohol und Drogen.
Der Patient hält sich nicht an Ihren Plan. Er stellt seine Fragen, wann er will. Beantworten Sie sie kurz, wenn sie kommen, und gehen Sie dann mit einem Satz zurück: „Darauf komme ich am Ende noch einmal zurück. Darf ich Sie vorher noch nach Ihren Medikamenten fragen?“
Das Schema der sieben Anamnese-Bausteine mit allen Fragen finden Sie im Artikel Anamnese: Ablauf und Fragen.
Vier Patienten, vier Strategien
Laut Erfahrungsberichten sind die Schauspielpatienten sehr verschieden. Bereiten Sie sich auf vier Typen vor:
Der Gesprächige. Erzählt viel, oft am Thema vorbei. Unterbrechen Sie freundlich, aber klar: „Entschuldigung, dass ich Sie unterbreche. Das ist wichtig, darauf komme ich gleich zurück. Zuerst möchte ich noch wissen, seit wann die Schmerzen da sind.“
Der Zurückhaltende. Antwortet mit „ja“, „nein“, „weiß nicht“. Stellen Sie offene Fragen und geben Sie Beispiele vor: „Beschreiben Sie mir den Schmerz. Ist er eher stechend, drückend oder brennend?“
Der Ängstliche. Fragt früh: „Ist das etwas Schlimmes?“ Nehmen Sie die Sorge auf und versprechen Sie nichts: „Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen. Ich möchte Ihnen erst ein paar Fragen stellen, dann kann ich Ihnen mehr sagen.“
Der Gereizte. Hat lange gewartet oder schon viele Ärzte gesehen. Nicht rechtfertigen, sondern anerkennen: „Das tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten. Jetzt nehme ich mir Zeit für Sie.“
Wie Sie auf Angst und Sorgen mit echten Beispielantworten reagieren, steht im Leitfaden Arzt-Patienten-Gespräch. Feste Sätze für Überleitungen und für Momente, in denen Sie stocken, finden Sie in Redemittel für die FaMed.
Die Zusammenfassung: zwei Minuten, die viele verschenken
Die Zusammenfassung ist für den Patienten, nicht für einen Kollegen. Also Alltagssprache, kurz, mit seinen eigenen Worten. Ein Beispiel:
„Herr Schulz, ich fasse kurz zusammen: Sie haben seit drei Tagen Schmerzen im rechten Oberbauch, vor allem nach dem Essen, und Ihnen ist oft übel. Sie nehmen Tabletten gegen den Blutdruck, und Ihre Mutter hatte Gallensteine.
Als Nächstes möchte ich Sie untersuchen. Danach nehmen wir Blut ab und machen einen Ultraschall vom Bauch. Wenn die Ergebnisse da sind, besprechen wir zusammen, wie es weitergeht. Haben Sie dazu noch Fragen?“
Drei Bausteine stecken darin: was ich verstanden habe, was wir jetzt tun, was Sie noch fragen möchten. Für das weitere Vorgehen reicht eine allgemeine Formulierung: Untersuchung, Blutabnahme, eine passende Bildgebung, Besprechung. Hier wird nicht Ihr Fachwissen geprüft, sondern ob der Patient versteht, was auf ihn zukommt.
Die Wahrheit: Die letzten zwei Minuten zählen doppelt
Viele Kandidaten fragen bis zur letzten Sekunde. Sie denken: Je mehr Fragen, desto vollständiger, desto besser. In der FaMed ist das ein Irrtum.
Eine Anamnese ohne Zusammenfassung erfüllt nur einen Teil der Aufgabe. Und sie lässt den Patienten ohne Antwort zurück, was auch die Bewertung des Umgangs mit dem Gegenüber trifft. Eine kurze Zusammenfassung mit einer fehlenden Frage zur Reiseanamnese ist mehr wert als eine perfekte Fragenliste ohne Abschluss.
Deshalb meine Regel: Bei Minute 9 hören Sie auf zu fragen. Egal, was noch fehlt.
Die häufigsten Fehler
- Kein Blick auf die Zeit. Legen Sie sich in der Übung eine Uhr sichtbar hin, damit Sie sie in der Prüfung automatisch im Blick haben.
- Fachwörter im Gespräch. „Haben Sie Dyspnoe?“ versteht kein Patient. „Bekommen Sie schlecht Luft?“ schon.
- Rückfragen überhören. Wenn der Patient fragt, ob er ansteckend ist, und Sie mit der nächsten Frage weitermachen, fehlt ein Teil der Aufgabe.
- Die Zusammenfassung für den Oberarzt. „Sie haben eine epigastrische Symptomatik“ ist die falsche Sprache. Der Patient ist Ihr Publikum.
Damit Sie die Antworten des Patienten beim ersten Hören verstehen, auch Dialekt und Umgangssprache, trainieren Sie zusätzlich das Hörverstehen mit Patientenaussagen. Welche Beschwerden in der FaMed-Anamnese typischerweise vorkommen, finden Sie in FaMed-Themen: Welche Fälle drankommen.
Im FaMed-Training von FSP Trainer führen Sie das Anamnesegespräch mit einem Patienten, der mal gesprächig, mal zurückhaltend, mal ängstlich ist und eigene Fragen stellt. Nach 11 Minuten endet das Gespräch wie in der Prüfung, und Sie sehen, welche Teile der Aufgabe gefehlt haben. FSP Trainer ist unabhängig und nicht mit dem Anbieter der FaMed verbunden.
Der eine Schritt für heute
Stellen Sie einen Timer auf 9 Minuten und einen zweiten auf 11. Bitten Sie jemanden, einen Patienten mit Bauchschmerzen zu spielen, oder sprechen Sie beide Rollen selbst. Wenn der erste Timer klingelt, hören Sie auf zu fragen und fassen zusammen.
Dieses eine Signal, „jetzt zusammenfassen“, ist die wichtigste Gewohnheit für diese Station. Üben Sie es, bis Sie es nicht mehr vergessen können.
Sprechen. Üben. Bestehen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert das Anamnesegespräch in der FaMed?+
Höchstens 11 Minuten. Danach wird das Gespräch beendet, auch wenn Sie noch nicht fertig sind. Planen Sie deshalb die letzten zwei Minuten fest für die Zusammenfassung und das weitere Vorgehen ein.
Was weiß ich vor dem Anamnesegespräch in der FaMed?+
Nur den Namen des Patienten und dass Sie als Ärztin oder Arzt in einer Hausarztpraxis arbeiten. Alles andere erfragen Sie im Gespräch.
Muss ich das Anamnesegespräch in der FaMed zusammenfassen?+
Ja. Die Aufgabe verlangt, dass Sie am Ende das Wichtigste für den Patienten verständlich zusammenfassen und erklären, wie es weitergeht. Außerdem gehen Sie auf die Rückfragen des Patienten ein.
Was mache ich, wenn der Patient zu viel redet?+
Unterbrechen Sie freundlich und lenken Sie zurück: „Entschuldigung, dass ich Sie unterbreche. Das ist wichtig, darauf komme ich gleich zurück. Zuerst möchte ich noch wissen …“ Höfliches Lenken gehört zur Gesprächsführung, die bewertet wird.
Wird in der FaMed-Anamnese medizinisches Wissen bewertet?+
Nein. Bewertet werden die Gesprächsform, der Umgang mit dem Patienten, die sprachliche Korrektheit und die Flüssigkeit. Eine Verdachtsdiagnose müssen Sie nicht stellen.
Glossar
- Anamnesegespräch
- Das Gespräch, in dem die Ärztin oder der Arzt die Krankengeschichte des Patienten erhebt: aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familie und soziales Umfeld.
- Noxen
- Schädliche Einflüsse, die in der Anamnese erfragt werden, vor allem Nikotin, Alkohol und Drogen.
- Rückfragen
- Fragen, die der Schauspielpatient in der FaMed selbst stellt, etwa ob er ansteckend ist oder wann er wieder arbeiten kann. Sie gehören zur Aufgabe.



