Anamnese: Definition, Ablauf und Fragen

Der Tag, an dem mir eine einzige Frage fehlte
Mein erstes richtiges Anamnesegespräch auf Station werde ich nicht vergessen. Ich kannte die Medizin. Ich wusste, worauf ich bei Brustschmerz achten muss, im Schlaf. Ich setzte mich ans Bett, stellte meine Fragen, fühlte mich sicher.
Am Ende sah die Oberärztin auf meinen Bogen und fragte ruhig: „Und das Geburtsdatum?" Ich hatte es vergessen. Nicht aus Unwissen, sondern weil ich kein festes Schema im Kopf hatte und mich von den Symptomen treiben ließ. Eine Kleinigkeit, ja. Aber sie zeigte mir, woran die meisten von uns am Anfang scheitern: nicht am Wissen, sondern an der Struktur.
Genau darum geht es in diesem Leitfaden. Ich zeige Ihnen, was eine Anamnese ist, wie das Gespräch in sieben Bausteinen abläuft, welche Fragen Sie stellen, und warum dieses eine Gespräch über Ihre Fachsprachprüfung entscheidet.
Was ist eine Anamnese?
- Anamnese
Die systematische Erhebung der Krankengeschichte eines Patienten im Gespräch. Sie umfasst aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien sowie familiäre und soziale Hintergründe und steht am Anfang fast jeder Diagnose.
Das Wort Anamnese kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Erinnerung". Der Patient erinnert sich an seine Krankengeschichte, und Sie erheben sie geordnet. Mehr steckt zunächst nicht dahinter.
Und doch ist die Anamnese der wichtigste Teil der Diagnostik. Studien und ärztliche Erfahrung sind sich seit Langem einig: Ein großer Teil der Diagnosen steht schon nach einem guten Gespräch fest, noch vor jeder Apparatemedizin. Wer gut fragt, braucht weniger zu raten.
Eigenanamnese und Fremdanamnese
Man unterscheidet die Anamnese zunächst danach, wer berichtet.
- Eigenanamnese
Die Erhebung der Krankengeschichte direkt beim Patienten, der seine Beschwerden selbst schildert. Gegenstück ist die Fremdanamnese durch Angehörige oder Begleitpersonen, etwa bei Kindern oder bewusstlosen Patienten.
Bei der Eigenanamnese erzählt der Patient selbst. Das ist der Normalfall und auch das, was Sie in der Fachsprachprüfung erwartet. Die Fremdanamnese brauchen Sie, wenn der Patient nicht selbst berichten kann: ein kleines Kind, ein verwirrter oder bewusstloser Mensch. Dann sprechen Sie mit Angehörigen oder dem Rettungsdienst.
Inhaltlich gliedert sich die Anamnese dann in mehrere Bereiche. Genau diese sehen wir uns jetzt als festes Schema an.
Das Anamnese-Schema: die 7 Bausteine
Das Geheimnis ist kein Geheimnis: Es ist eine Reihenfolge. Wenn Sie diese sieben Bausteine immer in derselben Ordnung abarbeiten, vergessen Sie nichts, auch nicht unter Stress. So sieht das Schema aus, das ich mir damals hätte wünschen sollen.
1. Aktuelle Anamnese (der Grund des Besuchs)
Hier starten Sie immer. Was führt den Patienten heute zu Ihnen? Lassen Sie ihn zuerst frei erzählen, dann fragen Sie das Beschwerdebild gezielt nach: Beginn, Dauer, Ort, Ausstrahlung, Intensität, Auslöser, lindernde Faktoren. Das ist das Herz des Gesprächs.
2. Vegetative Anamnese
- Vegetative Anamnese
Die gezielte Frage nach unwillkürlichen Körperfunktionen wie Appetit, Gewicht, Schlaf, Stuhlgang, Wasserlassen, Schwitzen und Fieber. Sie deckt Warnzeichen auf, die der Patient von sich aus oft nicht erwähnt.
Diese Fragen vergessen Anfänger am häufigsten, dabei verstecken sich hier wichtige Warnzeichen. Fragen Sie nach Appetit, Gewicht, Schlaf, Stuhlgang, Wasserlassen, Fieber und Nachtschweiß. Ein ungewollter Gewichtsverlust oder Nachtschweiß kann der erste Hinweis auf etwas Ernstes sein.
3. Vorerkrankungen und Operationen
Welche Krankheiten sind bekannt? Welche Operationen gab es, und wann? Gibt es chronische Leiden wie Diabetes, Bluthochdruck oder Asthma? Diese Vorgeschichte ordnet die aktuellen Beschwerden ein.
4. Medikamentenanamnese
Welche Medikamente nimmt der Patient ein, in welcher Dosis und wie oft? Denken Sie auch an die Pille, an Schmerzmittel ohne Rezept und an pflanzliche Präparate. Viele Patienten halten das nicht für „Medikamente" und erwähnen es nicht von allein.
5. Allergien und Unverträglichkeiten
Eine kurze, aber sicherheitsrelevante Frage: Bestehen Allergien, etwa gegen Medikamente, und was passiert dann genau? Ein vergessenes „Penicillinallergie" kann gefährlich werden.
6. Familienanamnese
- Familienanamnese
Die Frage nach Erkrankungen in der nahen Verwandtschaft, etwa Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Tumoren. Sie hilft, ein erbliches oder familiäres Risiko einzuschätzen.
Gibt es in der Familie gehäuft bestimmte Krankheiten? Herzinfarkt in jungen Jahren, Tumoren, Diabetes, psychische Erkrankungen? Das hilft Ihnen, ein Risiko einzuschätzen, das der Patient selbst noch gar nicht spürt.
7. Sozialanamnese
Zum Schluss der Mensch hinter der Krankheit: Beruf, Wohnsituation, Familie, und die Genussmittel. Fragen Sie ruhig konkret nach Rauchen, Alkohol und, wo es passt, weiteren Substanzen. Beruf und Lebensumstände erklären oft mehr, als ein Labor je zeigt.
Die wichtigsten Anamnesefragen
Ein Schema ist gut, gesprochene Sätze sind besser. Hier ist ein kleiner Vorrat an Anamnesefragen, die Sie fast wörtlich übernehmen können. Beginnen Sie offen, werden Sie dann gezielt. Diese Trichtertechnik führt vom freien Erzählen zur konkreten Information.
- Offener Einstieg: „Was führt Sie heute zu mir?" oder „Erzählen Sie mir bitte, was passiert ist."
- Zum Beschwerdebild: „Seit wann haben Sie die Beschwerden?", „Wo genau tut es weh?", „Wie würden Sie den Schmerz beschreiben?", „Wird es bei Bewegung besser oder schlechter?"
- Vegetativ: „Hat sich Ihr Gewicht in letzter Zeit verändert?", „Wie schlafen Sie?", „Hat sich am Stuhlgang etwas geändert?"
- Vorgeschichte: „Welche Krankheiten sind bei Ihnen bekannt?", „Wurden Sie schon einmal operiert?"
- Medikamente und Allergien: „Welche Medikamente nehmen Sie regelmäßig?", „Sind bei Ihnen Allergien bekannt?"
- Familie und Soziales: „Gibt es in Ihrer Familie bestimmte Krankheiten?", „Was machen Sie beruflich?", „Rauchen Sie, und trinken Sie Alkohol?"
Achten Sie auf den Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Fragen. Offene Fragen („Wie geht es Ihnen?") öffnen das Gespräch und lassen den Patienten erzählen. Geschlossene Fragen („Haben Sie Fieber?") brauchen Sie, um gezielt zu bestätigen oder auszuschließen. Eine gute Anamnese mischt beides bewusst.
Was ist ein Anamnesebogen?
- Anamnesebogen
Ein strukturierter Fragebogen zur schriftlichen Erfassung der Krankengeschichte vor dem Arztgespräch. Er dient als Gedächtnisstütze und roter Faden, ersetzt das persönliche Gespräch aber nicht.
Viele Praxen lassen Patienten vor dem Erstkontakt einen Anamnesebogen ausfüllen. Das spart Zeit und sorgt dafür, dass nichts Wichtiges untergeht. Für Sie in der Vorbereitung ist der Bogen vor allem eines: eine Gedächtnisstütze. Bauen Sie sich Ihren eigenen Spickzettel aus den sieben Bausteinen oben, und gehen Sie ihn vor jeder Übung einmal im Kopf durch.
Wichtig ist nur: Der Bogen ist die Stütze, nicht das Gespräch. In der Prüfung wie am Krankenbett zählt, dass Sie zuhören und reagieren, nicht dass Sie eine Liste abhaken.
Anamnese in der Fachsprachprüfung
Jetzt der Teil, der Sie als angehende Ärztin oder angehender Arzt in Deutschland besonders betrifft. Der erste Teil der Fachsprachprüfung ist ein Anamnesegespräch. Sie sitzen einem Simulationspatienten gegenüber und erheben in rund 20 Minuten seine Krankengeschichte.
Hier liegt die eigentliche Hürde, und sie ist nicht medizinisch. Aus meiner Erfahrung scheitern die wenigsten am Fachwissen. Sie scheitern daran, das Gespräch in verständlicher Laiensprache und mit klarer Struktur zu führen. Sie dürfen am Patientenbett nicht „Dyspnoe" sagen, sondern „Atemnot". Und Sie müssen Ihr Schema im Kopf haben, weil Sie keine Zeit zum Überlegen haben.
Wie Sie dieses Gespräch menschlich und souverän führen, also zuhören, auf Sorgen eingehen und trotzdem strukturiert bleiben, habe ich im Leitfaden zum Arzt-Patienten-Gespräch ausführlich beschrieben. Wie alle drei Prüfungsteile zusammenhängen, lesen Sie im Überblick zur Fachsprachprüfung.
Und der wichtigste Rat überhaupt: Üben Sie das Gespräch laut, nicht nur im Kopf. Eine Anamnese liest man nicht, man spricht sie. Wie Sie eine realistische FSP-Simulation aufbauen, zeige ich Ihnen im eigenen Leitfaden.
Fazit: erst das Schema, dann die Sicherheit
Die Anamnese wirkt wie eine simple Fragerei, und genau das ist die Falle. Wer ohne Schema fragt, vergisst Wichtiges und verliert den Faden. Wer die sieben Bausteine im Kopf hat, kann endlich das tun, worauf es ankommt: zuhören.
Ihr erster Schritt für heute: Schreiben Sie sich die sieben Bausteine auf eine Karteikarte, in Ihren eigenen Worten. Nehmen Sie dann eine vertraute Person, und führen Sie ein einziges Anamnesegespräch durch, laut und vollständig. Sie werden merken, wie schnell aus der Liste eine Gewohnheit wird.
Mehr Hintergrund finden Sie in den medizinischen Wissensdatenbanken von AMBOSS und DocCheck Flexikon.
Sprechen. Üben. Bestehen.
Häufige Fragen
Was ist eine Anamnese einfach erklärt?+
Die Anamnese ist das strukturierte Gespräch, in dem eine Ärztin oder ein Arzt die Krankengeschichte eines Patienten erhebt: aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien sowie familiäre und soziale Hintergründe. Sie ist meist der erste und wichtigste Schritt der Diagnose.
Was heißt Anamnese übersetzt?+
Das Wort stammt aus dem Griechischen (anámnesis) und bedeutet wörtlich „Erinnerung" oder „Rückbesinnung". Gemeint ist, dass der Patient sich an seine Krankengeschichte erinnert und sie im Gespräch wiedergibt.
Welche Arten der Anamnese gibt es?+
Nach der befragten Person unterscheidet man Eigenanamnese (der Patient selbst berichtet) und Fremdanamnese (Angehörige berichten). Nach dem Inhalt gibt es unter anderem die aktuelle, vegetative, medizinische, Familien- und Sozialanamnese. In der Praxis arbeiten Sie alle Bereiche nacheinander ab.
Was wird bei der Anamnese gefragt?+
Gefragt wird nach dem aktuellen Beschwerdebild (Beginn, Dauer, Intensität), nach Vorerkrankungen und Operationen, nach Medikamenten und Allergien, nach Krankheiten in der Familie und nach Beruf, Lebensstil und Genussmitteln. Ein festes Schema verhindert, dass etwas vergessen wird.
Was ist ein Anamnesebogen?+
Ein Anamnesebogen ist ein strukturierter Fragebogen, den Praxen vor dem Erstkontakt austeilen, um die wichtigsten Punkte der Krankengeschichte schon schriftlich zu erfassen. Er ersetzt das Gespräch nicht, sondern gibt ihm einen roten Faden.
Warum ist die Anamnese in der Fachsprachprüfung so wichtig?+
Der erste Teil der Fachsprachprüfung ist ein Anamnesegespräch: Sie erheben die Krankengeschichte eines Simulationspatienten in verständlicher Laiensprache. Geprüft wird also nicht Ihr Medizinwissen, sondern ob Sie strukturiert fragen und verständlich kommunizieren.
Glossar
- Anamnese
- Die systematische Erhebung der Krankengeschichte eines Patienten im Gespräch. Sie umfasst aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien sowie familiäre und soziale Hintergründe und steht am Anfang fast jeder Diagnose.
- Eigenanamnese
- Die Erhebung der Krankengeschichte direkt beim Patienten, der seine Beschwerden selbst schildert. Gegenstück ist die Fremdanamnese durch Angehörige oder Begleitpersonen, etwa bei Kindern oder bewusstlosen Patienten.
- Vegetative Anamnese
- Die gezielte Frage nach unwillkürlichen Körperfunktionen wie Appetit, Gewicht, Schlaf, Stuhlgang, Wasserlassen, Schwitzen und Fieber. Sie deckt Warnzeichen auf, die der Patient von sich aus oft nicht erwähnt.
- Familienanamnese
- Die Frage nach Erkrankungen in der nahen Verwandtschaft, etwa Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Tumoren. Sie hilft, ein erbliches oder familiäres Risiko einzuschätzen.
- Anamnesebogen
- Ein strukturierter Fragebogen zur schriftlichen Erfassung der Krankengeschichte vor dem Arztgespräch. Er dient als Gedächtnisstütze und roter Faden, ersetzt das persönliche Gespräch aber nicht.



