Aufklärung in der FaMed: Risiken erklären

Dr. Yanis von FSP Trainer4 Min. Lesezeit
Arzt erklärt einer Patientin im Krankenhaus die Risiken eines Eingriffs, wie im Aufklärungsgespräch der FaMed
Foto: RDNE Stock project / Pexels

„Also passiert mir das bestimmt?“

Ich stand an einem Krankenbett und klärte einen älteren Herrn über eine Darmspiegelung auf. Ich war stolz auf mich: kein Fachwort, ruhige Stimme. Dann sagte ich: „Bauchschmerzen danach sind häufig.“

Er wurde blass. „Häufig? Also passiert mir das bestimmt?“

Ich hatte ihm eine korrekte Information gegeben und trotzdem Angst gemacht. Denn „häufig“ heißt in der Medizin etwas anderes als im Alltag. Seitdem sage ich Zahlen. Und genau das verlangt auch die FaMed.

Was verlangt die FaMed in der Aufklärung?

Aufklärungsgespräch

Das Gespräch vor einem Eingriff oder einer Untersuchung, in dem die Ärztin oder der Arzt Ablauf, Risiken und Verhaltensregeln in verständlicher Sprache erklärt.

Das Aufklärungsgespräch ist in der FaMed eine eigene Situation in Station A: höchstens 11 Minuten, mit einem Schauspieler als Patient. Vorher sehen Sie ein Blatt mit allem, was Sie sagen müssen (Überblick in FaMed-Prüfung: Ablauf und Bewertung):

  • der Eingriff, der Grund und die Dauer,
  • der Ablauf,
  • die allgemeinen Risiken,
  • die speziellen Risiken mit Häufigkeit,
  • was der Patient vorher beachten muss,
  • was er nachher beachten muss.

Laut famed-test.de stehen alle nötigen Informationen vor dem Gespräch auf dem Bildschirm, Fachwissen wird nicht geprüft. Bewertet wird, wie verständlich Sie sprechen. Ein Risiko, das Sie richtig, aber unverständlich nennen, hilft Ihnen also wenig.

Die Wahrheit: „häufig“ ist ein gefährliches Wort

Häufigkeitsangabe

Die Angabe, wie oft eine Komplikation vorkommt, als Verhältnis (1:100), als Anteil (1 %) oder als festgelegtes Wort wie häufig oder selten.

Die Wörter aus dem Beipackzettel haben feste Bedeutungen. So beschreibt sie das Faktenblatt der ABDA nach den Vorgaben des BfArM:

WortBedeutungSo sagen Sie es dem Patienten
sehr häufigmehr als 1 von 10„mehr als einer von zehn Patienten“
häufig1 bis 10 von 100„bis zu einer von zehn Patienten“
gelegentlich1 bis 10 von 1.000„etwa einer von hundert bis tausend“
selten1 bis 10 von 10.000„etwa einer von tausend bis zehntausend“
sehr seltenweniger als 1 von 10.000„weniger als einer von zehntausend“

Das Problem: Kaum jemand kennt diese Tabelle. In einer im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Umfrage aus dem Jahr 2013 schätzten Ärztinnen und Ärzte das Wort „häufig“ im medizinischen Zusammenhang im Mittel auf 60 %, wie die Pharmazeutische Zeitung berichtete. Gemeint sind 1 bis unter 10 %.

Wenn schon wir Ärzte uns so verschätzen, wie soll ein Patient es richtig verstehen? Deshalb meine Regel für die Prüfung und für die Station: Sagen Sie die Zahl, nicht das Wort.

Die Formel für jedes Risiko

Spezielle Risiken

Komplikationen, die zu genau diesem Eingriff gehören, zum Beispiel ein Loch in der Darmwand bei der Darmspiegelung. Auf dem FaMed-Blatt stehen sie mit Häufigkeit.

Jedes spezielle Risiko bekommt drei kurze Teile:

  1. Was passiert, in Alltagssprache.
  2. Wie oft, als „einer von …“.
  3. Was wir dann tun, damit der Patient nicht mit der Angst allein bleibt.

Drei Übungsbeispiele, so wie sie auf einem Blatt stehen könnten:

Auf dem Blatt: Nachblutung nach Polypektomie, ca. 1:200

Sie sagen: „Wenn wir eine kleine Wucherung im Darm entfernen, kann die Stelle bei etwa einem von zweihundert Patienten nachbluten, auch noch einige Tage später. Dann stillen wir die Blutung meistens bei einer zweiten Spiegelung.“

Auf dem Blatt: Perforation, ca. 1:1.000

Sie sagen: „Sehr selten, bei etwa einem von tausend Patienten, entsteht ein kleines Loch in der Darmwand. Dann muss man es unter Umständen operieren.“

Auf dem Blatt: passagere Schulterschmerzen (häufig)

Sie sagen: „Viele Patienten haben nach der Bauchspiegelung ein paar Tage Schmerzen in der Schulter. Das kommt von dem Gas, mit dem wir den Bauch füllen, und geht von selbst vorbei.“

Achten Sie beim letzten Beispiel auf den Trick: Steht auf dem Blatt nur ein Wort wie „häufig“ und keine Zahl, sagen Sie „viele Patienten“ und erklären sofort, dass es harmlos ist und vorbeigeht.

Die allgemeinen Risiken in einem Satz

Allgemeine Risiken

Risiken, die bei fast jedem Eingriff bestehen, zum Beispiel Blutung, Infektion, Wundheilungsstörung oder Thrombose.

Die allgemeinen Risiken brauchen keine lange Erklärung. Ein Satz pro Risiko reicht, aber jedes Wort muss ein Alltagswort sein:

Auf dem BlattFür den Patienten
Blutung, Hämatom„Es kann bluten, oder es bildet sich ein blauer Fleck.“
Wundinfektion„Die Wunde kann sich entzünden.“
Wundheilungsstörung„Die Wunde kann langsamer heilen.“
Thrombose, Embolie„Es kann sich ein Blutgerinnsel im Bein bilden, das selten in die Lunge wandert.“
Verletzung benachbarter Organe„Selten wird ein Organ in der Nähe verletzt.“

Wie Sie Fachbegriffe systematisch in Alltagssprache übertragen, zeigt der Artikel Medizinische Fachbegriffe in Laiensprache.

Wenn der Patient Angst bekommt

Der Schauspieler stellt Rückfragen, und nach den Risiken kommt oft die Angst. Drei Situationen, die Sie vorbereiten sollten:

  • „Muss ich mir Sorgen machen?“ Nicht beschwichtigen, sondern einordnen: „Ich verstehe Ihre Sorge. Die allermeisten Patienten haben keine dieser Komplikationen. Wir achten genau darauf.“
  • „Kann ich danach wieder arbeiten oder Sport machen?“ Antworten Sie mit dem, was auf dem Blatt unter „nachher“ steht. Steht dort nichts dazu, sagen Sie ehrlich, dass Sie es mit dem Operateur klären.
  • „Was ist denn ein Trokar?“ Erklären Sie das Fachwort in einem Satz und gehen Sie zurück zu Ihrem Faden.

Typische Patientenfragen nach Themen finden Sie in FaMed-Themen: Welche Fälle drankommen.

Drei Fehler, die Punkte kosten

  1. Die Zahl weglassen. „Es kann auch mal nachbluten“ ist verständlich, aber die Aufgabe verlangt die Häufigkeit.
  2. Das Fachwort mit der Zahl vorlesen. „Perforation 1:1.000“ ist korrekt und für den Patienten wertlos.
  3. Verharmlosen. „Das passiert eigentlich nie“ ist bei 1:200 falsch. Ehrlichkeit wirkt beruhigender als ein falsches Versprechen.

Den kompletten Aufbau des Gesprächs, vom ersten Satz bis zum Einverständnis, finden Sie im Leitfaden Aufklärungsgespräch in 5 Schritten.

Im FaMed-Training von FSP Trainer führen Sie Aufklärungsgespräche mit einem Patienten, der nachfragt, wenn ein Fachwort fällt. Danach sehen Sie, welche Punkte des Blatts Sie verständlich erklärt haben und welche gefehlt haben. FSP Trainer ist unabhängig und nicht mit dem Anbieter der FaMed verbunden.

Der eine Schritt für heute

Nehmen Sie einen Eingriff, den Sie gut kennen. Schreiben Sie drei Komplikationen mit Häufigkeit auf. Formulieren Sie für jede den Satz nach der Formel: was passiert, wie oft, was wir dann tun. Dann sagen Sie die drei Sätze laut, mit einer Stoppuhr.

Wenn Sie unter einer Minute bleiben und kein einziges Fachwort benutzt haben, sind Sie bereit für die nächste Übung.

Sprechen. Üben. Bestehen.

Häufige Fragen

Wie erkläre ich einem Patienten ein Risiko von 1:100?+

Sagen Sie die Zahl in Worten und mit Bezug auf Menschen: „Bei etwa einem von hundert Patienten passiert das.“ Nennen Sie dann in einem Satz, was genau passiert, und was Sie in diesem Fall tun. So bleibt das Risiko konkret, ohne Angst zu machen.

Was bedeuten häufig, gelegentlich und selten bei Nebenwirkungen?+

In Packungsbeilagen sind die Wörter festgelegt: sehr häufig heißt mehr als 1 von 10 Behandelten, häufig 1 bis 10 von 100, gelegentlich 1 bis 10 von 1.000, selten 1 bis 10 von 10.000 und sehr selten weniger als 1 von 10.000.

Soll ich im Aufklärungsgespräch „häufig“ oder eine Zahl sagen?+

Besser die Zahl. Studien zeigen, dass schon Ärzte das Wort „häufig“ weit überschätzen. Patienten verstehen „einer von hundert“ zuverlässiger als ein Häufigkeitswort.

Welche Risiken muss ich in der FaMed-Aufklärung nennen?+

Alle, die auf Ihrem Blatt stehen: die allgemeinen Risiken wie Blutung oder Infektion und die speziellen Risiken des Eingriffs mit ihrer Häufigkeit. Risiken, die nicht auf dem Blatt stehen, werden nicht verlangt, denn Fachwissen wird in der FaMed nicht bewertet.

Wie reagiere ich, wenn der Patient nach den Risiken Angst bekommt?+

Nehmen Sie die Angst ernst und spielen Sie das Risiko nicht herunter. Ordnen Sie es ein („Die allermeisten Patienten haben keine dieser Komplikationen“) und sagen Sie, worauf Sie achten und was Sie im Fall der Fälle tun.

Glossar

Aufklärungsgespräch
Das Gespräch vor einem Eingriff oder einer Untersuchung, in dem die Ärztin oder der Arzt Ablauf, Risiken und Verhaltensregeln in verständlicher Sprache erklärt.
Allgemeine Risiken
Risiken, die bei fast jedem Eingriff bestehen, zum Beispiel Blutung, Infektion, Wundheilungsstörung oder Thrombose.
Spezielle Risiken
Komplikationen, die zu genau diesem Eingriff gehören, zum Beispiel ein Loch in der Darmwand bei der Darmspiegelung. Auf dem FaMed-Blatt stehen sie mit Häufigkeit.
Häufigkeitsangabe
Die Angabe, wie oft eine Komplikation vorkommt, als Verhältnis (1:100), als Anteil (1 %) oder als festgelegtes Wort wie häufig oder selten.