Medizinische Fachsprache: Merkmale, Beispiele

Dr. Yanis von FSP Trainer6 Min. Lesezeit
Zwei Ärzte besprechen im Krankenhaus eine Patientenakte, Sinnbild für die medizinische Fachsprache unter Kollegen
Foto: RDNE Stock project / Pexels

Der Satz, der richtig war und trotzdem falsch klang

Meine erste Übergabe auf der Inneren. Ich hatte mich vorbereitet. Ich sagte: « Der Patient hat seit gestern Bauchschmerzen, er hat zweimal gebrochen, und wir haben Blut abgenommen. » Jedes Wort war richtig. Die Grammatik auch.

Der Oberarzt nickte und wiederholte es für das Team, in einem Satz: « Seit gestern bestehen Oberbauchschmerzen mit zweimaliger Emesis, die Laborkontrolle ist veranlasst. »

Mein Wissen war da. Meine Wörter auch. Aber mir fehlte die Sprache, in der Ärzte miteinander reden. Genau diese Lücke merken viele erst in der Fachsprachprüfung, wenn es zählt.

Was ist medizinische Fachsprache?

Die medizinische Fachsprache ist das Werkzeug, mit dem Ärztinnen und Ärzte untereinander genau und schnell über Patienten sprechen und schreiben. Sie hat zwei Ebenen: den Wortschatz (die Fachbegriffe) und die Grammatik des Fachs (wie die Sätze gebaut sind).

Medizinische Fachsprache

Die Sprache, in der Ärztinnen und Ärzte untereinander kommunizieren: Fachtermini plus ein eigener Satzbau mit Nominalstil, Passiv, Funktionsverbgefügen, indirekter Rede und Abkürzungen.

Über den Wortschatz habe ich schon viel geschrieben: wie Vorsilben und Endsilben funktionieren und welcher Fachbegriff welchem Alltagswort entspricht, steht im Artikel über medizinische Fachbegriffe und Laiensprache. In diesem Artikel geht es um die zweite Ebene, die fast niemand erklärt: den Satz.

Register

Die Sprachebene, die Sie je nach Gegenüber wählen. In der FSP wechseln Sie ständig zwischen dem Register der Laien (Patientin) und dem der Fachleute (Kommission, Kollegen).

Die 6 Merkmale der medizinischen Fachsprache

Jedes Merkmal lässt sich an einem einzigen Satzpaar zeigen. Links sagt es der Patient oder ein Laie, rechts steht es im Arztbrief oder in der Fallvorstellung.

MerkmalAlltagsspracheFachsprache
1. Fachtermini« Er hatte einen Herzinfarkt. »« Z. n. Myokardinfarkt. »
2. Nominalstil« Wenn er sich anstrengt, bekommt er schlecht Luft. »« Belastungsdyspnoe »
3. Passiv« Wir haben ein EKG gemacht. »« Es wurde ein EKG abgeleitet. »
4. Funktionsverbgefüge« Wir geben ihm Antibiotika. »« Eine antibiotische Therapie wurde eingeleitet. »
5. Indirekte Rede« Er sagt, er hat seit zwei Tagen Fieber. »« Er gibt an, seit zwei Tagen Fieber zu haben. »
6. Abkürzungen« Wir denken an eine Lungenentzündung. »« V. a. Pneumonie »

1. Fachtermini aus Latein und Griechisch

Das bekannteste Merkmal. Fachtermini sind eindeutig: « Myokardinfarkt » bedeutet nur eine Sache, « Herzanfall » kann vieles heißen. Achten Sie auf die deutsche Schreibweise: aus « Oesophagus » wird im Deutschen meist « Ösophagus », aus dem lateinischen « c » oft ein « k » oder « z » (Karzinom, Zervix).

2. Nominalstil

Die Fachsprache packt einen ganzen Nebensatz in ein Nomen. Aus « wenn er sich anstrengt, bekommt er schlecht Luft » wird « Belastungsdyspnoe ». Aus « nachdem er operiert wurde » wird « nach der Operation » oder « postoperativ ».

Nominalstil

Ein Stil, der Inhalte in Nomen statt in Verben ausdrückt: « bei Belastungsdyspnoe » statt « wenn er sich anstrengt, bekommt er schlecht Luft ». Typisch für Arztbrief und Fallvorstellung.

3. Passiv und unpersönliche Formen

Im Befund ist nicht wichtig, wer etwas getan hat, sondern was getan wurde. Deshalb steht dort fast immer das Passiv: « Es wurde ein EKG abgeleitet », « Die Patientin wurde stationär aufgenommen ». Auch Formen mit « sich lassen » sind typisch: « Ein Infarkt ließ sich ausschließen. »

4. Funktionsverbgefüge

Statt eines einfachen Verbs steht ein Nomen mit einem fast leeren Verb: « eine Therapie einleiten », « eine Untersuchung veranlassen », « eine Diagnose stellen », « zur Aufnahme kommen ». Diese Verbindungen sind fest. « Eine Therapie anfangen » versteht jeder, klingt aber nicht nach Arztbrief.

Funktionsverbgefüge

Eine feste Verbindung aus Nomen und einem bedeutungsarmen Verb, zum Beispiel « eine Therapie einleiten » oder « eine Untersuchung veranlassen ». Sie ersetzt ein einfaches Verb und klingt fachsprachlich.

5. Indirekte Rede im Konjunktiv I

Was der Patient erzählt, geben Sie wieder, ohne es als Tatsache zu behaupten: « Der Patient berichtet, er habe seit zwei Tagen Fieber. » Oder kürzer mit Infinitiv: « Er gibt an, keine Allergien zu haben. » Wo der Konjunktiv I wie der Indikativ klingt, weichen Sie auf den Konjunktiv II aus (« die Beschwerden hätten am Montag begonnen »). Die häufigsten Fehler dabei zeige ich im Artikel über Fehler beim Arztbriefschreiben.

Konjunktiv I

Die Verbform der indirekten Rede: « Der Patient gibt an, er habe seit zwei Tagen Fieber. » Im Arztbrief und in der Fallvorstellung zeigt sie, dass Sie die Aussage des Patienten wiedergeben.

6. Abkürzungen und feste Formeln

Die Fachsprache spart, wo sie kann: « V. a. » (Verdacht auf), « Z. n. » (Zustand nach), « o. B. » (ohne Befund), « DD » (Differentialdiagnose), dazu Kürzel wie EKG, CT oder KHK. Benutzen Sie in der Prüfung nur Abkürzungen, die Sie sicher aussprechen und auflösen können. Ein falsch verwendetes Kürzel fällt mehr auf als ein ausgeschriebenes Wort.

Die Wahrheit: Fachsprache heißt nicht kompliziert reden

Hier liegt das größte Missverständnis. Viele glauben, Fachsprache bedeute lange Sätze und möglichst viele lateinische Wörter. Das Gegenteil stimmt. Gute Fachsprache ist kürzer als Alltagssprache. Der Oberarzt hat meinen Satz nicht aufgeblasen, er hat ihn halbiert.

Sie werden bemerken, dass ich Ihnen diesen Artikel bewusst ohne Nominalstil schreibe. Im Blog möchte ich verstanden werden. Im Arztbrief möchte ich auch verstanden werden, nur von jemand anderem.

Der zweite Teil der Wahrheit: Mehr Vokabeln allein machen Sie nicht fachsprachlich. Sie können Tausende Fachbegriffe kennen und trotzdem sagen « wir haben ihm Antibiotika gegeben ». Die Wörter sind das Material, die sechs Merkmale sind das Werkzeug.

Wo jedes Merkmal in der Fachsprachprüfung zählt

Die Prüfung besteht aus drei Stationen von je 20 Minuten. Die Ärztekammer Nordrhein schreibt dazu, die Prüfung beziehe sich nur auf die Fachsprache und nicht auf das medizinische Grundwissen, und sie fordere einen flexiblen, gegebenenfalls umschreibenden Sprachgebrauch. Die Fachsprache wird also in jeder Station geprüft, aber in jeder anders.

MerkmalTeil 1: PatientengesprächTeil 2: DokumentationTeil 3: Arzt-Arzt-Gespräch
FachterminiVerstehen, aber übersetzenJaJa
NominalstilVermeidenJaJa, in Maßen
PassivSeltenJaJa
FunktionsverbgefügeSeltenJaJa
Indirekte RedeNeinJaJa, bei der Anamnese
AbkürzungenNeinJa, sparsamGesprochen, wenn eindeutig

Im Patientengespräch läuft alles rückwärts: Patienten sind, wie die Kammer schreibt, wenig mit medizinischen Fachausdrücken vertraut. Dort zeigen Sie Ihre Fachsprache, indem Sie sie verständlich übersetzen. Im Arzt-Arzt-Gespräch dagegen soll ausdrücklich in der medizinischen Fachsprache kommuniziert werden. Wie das in einer Fallvorstellung klingt, zeigt der Leitfaden zur Fallvorstellung in der FSP.

Auf welchem Niveau? Die Fachsprachenkenntnisse orientieren sich am Niveau C1, so hat es die Gesundheitsministerkonferenz 2014 festgelegt (zusammengefasst vom Regierungspräsidium Stuttgart). Was das für Ihr B2-Zertifikat bedeutet, steht im Artikel Reicht B2 für die FSP?.

Drei Übungen für jeden Tag

Fachsprache lernt man nicht durch Lesen, sondern durch Umformen. Diese drei Übungen dauern zusammen zehn Minuten. Schreiben Sie die Lösung erst selbst, dann vergleichen Sie.

Übung 1: Vom Alltag in die Fachsprache. Formen Sie um, so kurz wie möglich:

  1. « Sie hat seit drei Tagen Husten und Fieber. »
  2. « Wir haben die Lunge geröntgt. »
  3. « Wir glauben, dass es eine Blinddarmentzündung ist. »
  4. « Er wurde vor fünf Jahren an der Galle operiert. »

Übung 2: Rückwärts für die Patientin. Erklären Sie diese Befunde in einem Satz, ohne Fachbegriff: « Belastungsdyspnoe », « Z. n. Myokardinfarkt », « Eine antibiotische Therapie wurde eingeleitet. » Wenn Sie dabei hängen bleiben, fehlt Ihnen die Brücke zwischen den Registern, nicht das Wissen.

Übung 3: Indirekte Rede. Nehmen Sie drei Sätze aus Ihrem letzten Patientengespräch und schreiben Sie sie im Konjunktiv I auf: « Ich nehme keine Medikamente » wird « Die Patientin gibt an, keine Medikamente einzunehmen. » Diese Übung bringt am meisten für Teil 2.

Die Fachbegriffe dafür, immer zusammen mit ihrem Alltagswort, können Sie direkt hier trainieren:

Für den ganzen Rest gilt: Ohne Rückmeldung merken Sie Ihre Fehler nicht. Im Vokabeltrainer von FSP Trainer üben Sie die Begriffe in beiden Registern, und in der Arztbrief-Korrektur sehen Sie sofort, wo Ihr Text noch nach Alltag klingt: Konjunktiv I, Fachsprache, Stil. Wie sich das in einen Lernweg einfügt, beschreibt der Leitfaden zum medizinischen Deutsch.

Der eine Schritt für heute

Nehmen Sie den letzten Satz, den Sie heute über einen Patienten gesagt haben, und schreiben Sie ihn zweimal auf: einmal so, wie Sie ihn der Patientin sagen würden, und einmal so, wie er im Arztbrief stehen würde. Prüfen Sie dann die zweite Version gegen die sechs Merkmale.

Morgen der nächste Satz. Nach zwei Wochen werden Sie merken, dass der Oberarzt Ihre Sätze nicht mehr wiederholen muss.

Sprechen. Üben. Bestehen.

Häufige Fragen

Was ist medizinische Fachsprache?+

Die Sprache, in der Ärztinnen und Ärzte untereinander über Patienten sprechen und schreiben. Sie besteht nicht nur aus Fachbegriffen, sondern auch aus einem eigenen Satzbau: Nominalstil, Passiv, feste Verbverbindungen, indirekte Rede und Abkürzungen. Ihr Ziel ist Genauigkeit in möglichst wenigen Worten.

Welche Merkmale hat die medizinische Fachsprache?+

Sechs Merkmale fallen sofort auf: Fachtermini aus Latein und Griechisch, Nominalstil, Passiv und unpersönliche Formen, Funktionsverbgefüge wie « eine Therapie einleiten », indirekte Rede im Konjunktiv I und Abkürzungen wie « V. a. » oder « Z. n. ».

Was ist der Unterschied zwischen Fachsprache und Fachbegriffen?+

Fachbegriffe sind die Wörter, also Myokardinfarkt statt Herzinfarkt. Die Fachsprache ist das ganze System, in dem diese Wörter stehen: wie Sätze gebaut werden, welche Verben man benutzt und wie man wiedergibt, was der Patient gesagt hat. Wer nur Vokabeln lernt, klingt in der FSP oft trotzdem nicht fachsprachlich.

Wird die medizinische Fachsprache in der FSP geprüft?+

Ja, sie ist der Kern der Prüfung. Die Ärztekammer Nordrhein schreibt, die Prüfung beziehe sich nur auf die Fachsprache und nicht auf das medizinische Grundwissen. Im Arzt-Arzt-Gespräch soll ausdrücklich in der medizinischen Fachsprache kommuniziert werden, im Patientengespräch dagegen verständlich für Laien.

Auf welchem Niveau muss die Fachsprache sein?+

Die Fachsprachenkenntnisse für die Approbation orientieren sich am Niveau C1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens. Das hat die Gesundheitsministerkonferenz 2014 festgelegt. Ein allgemeines B2-Zertifikat ist meist nur die Voraussetzung für die Anmeldung.

Wie lerne ich die medizinische Fachsprache am schnellsten?+

Mit kurzen täglichen Umformungen statt mit langen Lektüren: Alltagssätze in Fachsprache übersetzen, Fachsätze zurück in Patientensprache bringen und Patientenaussagen in indirekter Rede notieren. Dazu kommen Fachbegriffe in beiden Registern und regelmäßiges Feedback auf Ihre Texte.

Glossar

Medizinische Fachsprache
Die Sprache, in der Ärztinnen und Ärzte untereinander kommunizieren: Fachtermini plus ein eigener Satzbau mit Nominalstil, Passiv, Funktionsverbgefügen, indirekter Rede und Abkürzungen.
Nominalstil
Ein Stil, der Inhalte in Nomen statt in Verben ausdrückt: « bei Belastungsdyspnoe » statt « wenn er sich anstrengt, bekommt er schlecht Luft ». Typisch für Arztbrief und Fallvorstellung.
Funktionsverbgefüge
Eine feste Verbindung aus Nomen und einem bedeutungsarmen Verb, zum Beispiel « eine Therapie einleiten » oder « eine Untersuchung veranlassen ». Sie ersetzt ein einfaches Verb und klingt fachsprachlich.
Konjunktiv I
Die Verbform der indirekten Rede: « Der Patient gibt an, er habe seit zwei Tagen Fieber. » Im Arztbrief und in der Fallvorstellung zeigt sie, dass Sie die Aussage des Patienten wiedergeben.
Register
Die Sprachebene, die Sie je nach Gegenüber wählen. In der FSP wechseln Sie ständig zwischen dem Register der Laien (Patientin) und dem der Fachleute (Kommission, Kollegen).