Arztbrief schreiben in der FSP

Dr. Yanis von FSP Trainer5 Min. Lesezeit
Arzt schreibt mit einem Stift einen Arztbrief in ein Dokument auf dem Schreibtisch
Foto: Tima Miroshnichenko / Pexels

Der leere Berichtsbogen, und die Uhr läuft

Das Gespräch war gut gelaufen. Ich hatte die richtigen Fragen gestellt, der „Patient" hatte mir alles erzählt, ich kannte die Diagnose. Dann legte man mir den Berichtsbogen hin, die Uhr lief, und mein Kopf war plötzlich leer. Nicht, weil mir das Wissen fehlte. Sondern weil ich nicht mehr wusste, in welcher Reihenfolge ich anfangen sollte.

Das ist die stille Falle von Teil 2. Im Gespräch tragen einen die Fragen. Vor dem leeren Blatt sind Sie allein mit der Struktur, der Grammatik und der Zeit.

Arztbrief

Schriftliche Zusammenfassung eines Behandlungsfalls für einen ärztlichen Kollegen. In der FSP dokumentieren Sie damit das zuvor geführte Patientengespräch in strukturierter Form.

Die gute Nachricht: Der Arztbrief ist der Prüfungsteil, den Sie am besten vorbereiten können. Er folgt jedes Mal derselben Logik. Wenn Sie diese Logik einmal verinnerlicht haben, sehen Sie nie wieder ein leeres Blatt, sondern eine Liste, die Sie nur noch ausfüllen.

Warum der Arztbrief mehr Punkte kostet, als Sie denken

Viele bereiten sich auf das Gespräch vor und behandeln die Dokumentation als Nebensache. Ein Fehler. Der schriftliche Teil zeigt jeden Schwachpunkt, den das Gespräch noch verdecken konnte: einen falschen Konjunktiv, eine fehlende Endung, einen Satz, der aus drei Stichwörtern besteht.

Hier ist die Wahrheit, die mir damals niemand so deutlich gesagt hat: Der Arztbrief prüft nicht, ob Sie Medizin können. Er prüft, ob Sie auf Deutsch in Struktur denken können, unter Zeitdruck. Sie kennen die Cholezystolithiasis längst. Die Frage ist, ob Sie sie in zwanzig Minuten in saubere, vollständige Sätze bringen.

Genau das lässt sich üben. Und es ist fairer, als es klingt, denn die Struktur ist immer gleich.

Der Aufbau: die Reihenfolge, die Sie nie im Stich lässt

Egal welcher Fall: Der Arztbrief läuft immer in derselben Reihenfolge. Lernen Sie diese sechs Blöcke auswendig, dann haben Sie Ihr Gerüst.

  1. Betreffzeile: Anrede, vollständiger Name und Geburtsdatum des Patienten (Format TT.MM.JJJJ). Nennen Sie die Art des Briefes, etwa Aufnahme- oder Befundbericht.
  2. Anamnese: der Vorstellungsgrund und die aktuelle Beschwerde, dann Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen, Familien- und Sozialanamnese sowie die vegetative Anamnese.
  3. Körperlicher Untersuchungsbefund: was Sie objektiv erheben, im Indikativ.
  4. Verdachtsdiagnose und Differentialdiagnosen: eine Diagnose, kein Symptom, plus die wichtigsten Alternativen.
  5. Procedere: das geplante Vorgehen, also Labor, Bildgebung und erste Therapieschritte.
  6. Schlussformel: eine kurze, kollegiale Formel mit der Bereitschaft zu Rückfragen.
Berichtsbogen

Das vorgegebene Formular der Ärztekammer, auf dem Sie in der FSP Ihre Dokumentation schreiben. Es gibt die grobe Struktur vor, die Sie mit vollständigen Sätzen füllen.

Konjunktiv I: die Regel, die den Unterschied macht

Der häufigste Sprachfehler im Arztbrief ist der falsche Modus. Alles, was der Patient Ihnen erzählt hat, ist seine Aussage, nicht Ihre Tatsache. Deshalb steht es in der indirekten Rede.

Konjunktiv I

Die Form der indirekten Rede im Deutschen. Im Arztbrief gibt sie wieder, was der Patient gesagt hat, ohne dass Sie es als eigene Tatsache übernehmen: „er habe", „sie sei".

Die Faustregel ist einfach: Was der Patient sagt, steht im Konjunktiv I. Was Sie selbst untersuchen, steht im Indikativ. Der Patient berichtet, er habe Schmerzen. Sie stellen fest, dass ein Druckschmerz besteht.

Vom Gespräch zum Brief: ein echtes Beispiel

Schauen wir uns das an einem konkreten Fall aus unserer Falldatenbank an. Herr Keller, 57 Jahre, kommt mit plötzlichen Oberbauchschmerzen nach dem Frühstück. Im Arzt-Patienten-Gespräch hat er Ihnen seine Beschwerden in Alltagssprache geschildert. Jetzt übersetzen Sie das in den Brief.

Aus dem, was der Patient gesagt hat, wird indirekte Rede in Fachsprache:

Beachten Sie zwei Dinge. Erstens den Konjunktiv I durchgehend: berichtete … er habe … seien … bestehe … habe er verneint. Zweitens die Fachsprache: Aus „Bauchweh oben" werden „epigastrische Schmerzen", aus „mir war schlecht" wird „Übelkeit".

Ihr eigener Befund wechselt dann in den Indikativ:

Verdachtsdiagnose

Die wahrscheinlichste Diagnose auf Basis von Anamnese und Befund, noch bevor weitere Untersuchungen sie bestätigen. Sie ist eine Diagnose, kein Symptom.

Dieser letzte Absatz ist Ihre Epikrise, das Herzstück des Briefes. Hier zeigen Sie, dass Sie nicht nur Wörter aneinanderreihen, sondern den Fall verstanden haben.

Epikrise

Der zusammenfassende Beurteilungsteil des Arztbriefs. Hier verbinden Sie Anamnese, Befund und Verdachtsdiagnose zu einer kurzen, schlüssigen Bewertung des Falls.

Die häufigsten Fehler im Arztbrief

Diese Stolpersteine sehe ich immer wieder, und alle sind vermeidbar:

  • Stichwörter statt Sätze. „Schmerzen Oberbauch seit 3 h" mag im Klinikalltag reichen, in der FSP kostet es Punkte. Schreiben Sie ganze Sätze.
  • Der Patient redet im Indikativ. „Der Patient hat seit drei Tagen Fieber" macht seine Aussage zu Ihrer Tatsache. Richtig: „Der Patient gab an, er habe seit drei Tagen Fieber."
  • Symptom statt Diagnose. „Bauchschmerzen" ist keine Verdachtsdiagnose. Die Diagnose heißt zum Beispiel „Cholezystolithiasis".
  • Die Betreffzeile fehlt oder ist unvollständig. Ohne vollständigen Namen und Geburtsdatum verschenken Sie einfache Punkte.
  • Die Zeit läuft davon. Wer im Gespräch sauber strukturiert mitdenkt, schreibt den Brief schneller. Der schriftliche Teil beginnt nicht am leeren Blatt, sondern schon beim Zuhören.

Den Aufbau zu kennen ist das eine. Ihn unter Zeitdruck flüssig anzuwenden ist das andere, und das gelingt nur durch Wiederholung. In den Simulationen trainieren Sie genau diesen Ablauf, und im Modul-Überblick sehen Sie, wie Gespräch und Dokumentation zusammenspielen. Wie der Arztbrief in den gesamten Prüfungstag passt, lesen Sie im Überblick zur Fachsprachprüfung.

Welche Anforderungen offiziell gelten, beschreiben die Bundesärztekammer und der Marburger Bund. Prüfen Sie immer die Vorgaben Ihrer zuständigen Ärztekammer, denn die Details unterscheiden sich je nach Bundesland.

Fazit: Struktur schlägt Talent

Der Arztbrief belohnt niemanden, der besonders begabt ist. Er belohnt den, der eine feste Reihenfolge im Kopf hat und Patientenaussagen sauber im Konjunktiv I wiedergibt. Beides können Sie lernen.

Ihr erster Schritt für heute: Nehmen Sie eine Anamnese, die Sie ohnehin schon geführt oder gelesen haben, und schreiben Sie nur die ersten vier Sätze in den Brief, durchgehend im Konjunktiv I. Mehr nicht. Morgen kommen die nächsten vier dazu.

Sprechen. Üben. Bestehen.

Häufige Fragen

Wie viel Zeit habe ich für den Arztbrief in der FSP?+

In der Regel etwa 20 Minuten. In dieser Zeit fassen Sie die wichtigsten Informationen aus dem Patientengespräch schriftlich zusammen. Die genaue Dauer kann je nach Ärztekammer leicht abweichen.

Muss ich den Arztbrief in ganzen Sätzen schreiben?+

Ja. Geprüft wird Ihre Sprache, deshalb erwarten die Prüfer vollständige Sätze, keine Stichwörter. Eine Aneinanderreihung von Begriffen kostet Punkte, auch wenn der Inhalt stimmt.

Wann benutze ich den Konjunktiv I im Arztbrief?+

Immer dann, wenn Sie wiedergeben, was der Patient gesagt hat. Aussagen des Patienten stehen in der indirekten Rede (Konjunktiv I): „Der Patient berichtete, er habe Schmerzen." Ihre eigenen objektiven Befunde stehen im Indikativ.

Welche Abkürzungen sind im Arztbrief erlaubt?+

Gängige fachübliche Abkürzungen wie Z. n., DD oder o. B. sind meist akzeptiert. Ungewöhnliche Kürzel schreiben Sie besser aus. Die genauen Vorgaben unterscheiden sich je nach Ärztekammer, prüfen Sie Ihren Fall.

Wie ist ein Arztbrief in der FSP aufgebaut?+

Betreffzeile mit Patientendaten, dann Anamnese, körperlicher Untersuchungsbefund, Verdachtsdiagnose mit Differentialdiagnosen, das geplante Vorgehen und eine kollegiale Schlussformel. Diese Reihenfolge gibt Ihnen Halt, auch wenn die Uhr läuft.

Darf ich beim Arztbrief ein Wörterbuch benutzen?+

Das hängt von der zuständigen Ärztekammer ab und ist nicht überall gleich geregelt. Verlassen Sie sich nicht darauf, sondern klären Sie es vorab bei Ihrer Kammer und üben Sie so, als hätten Sie kein Hilfsmittel.

Glossar

Arztbrief
Schriftliche Zusammenfassung eines Behandlungsfalls für einen ärztlichen Kollegen. In der FSP dokumentieren Sie damit das zuvor geführte Patientengespräch in strukturierter Form.
Konjunktiv I
Die Form der indirekten Rede im Deutschen. Im Arztbrief gibt sie wieder, was der Patient gesagt hat, ohne dass Sie es als eigene Tatsache übernehmen: „er habe", „sie sei".
Verdachtsdiagnose
Die wahrscheinlichste Diagnose auf Basis von Anamnese und Befund, noch bevor weitere Untersuchungen sie bestätigen. Sie ist eine Diagnose, kein Symptom.
Epikrise
Der zusammenfassende Beurteilungsteil des Arztbriefs. Hier verbinden Sie Anamnese, Befund und Verdachtsdiagnose zu einer kurzen, schlüssigen Bewertung des Falls.
Berichtsbogen
Das vorgegebene Formular der Ärztekammer, auf dem Sie in der FSP Ihre Dokumentation schreiben. Es gibt die grobe Struktur vor, die Sie mit vollständigen Sätzen füllen.